Europäische Konzerne drohen von Chinas Industrie abgehängt zu werden. Einer der großen Vorteile im Reich der Mitte: ein irres Tempo bei Entwicklungen, der legendäre "China-Speed". Aber wie machen die Chinesen das? Die Analyse "China's cost and speed advantage" der Unternehmensberatung Roland Berger geht dem Phänomen auf den Grund!
Chinesische Industrieunternehmen entwickeln schneller und billiger als ihre europäischen Wettbewerber. Im Automobilsektor bringen sie neue Fahrzeuge 25 bis 30 Prozent schneller auf die Straße und produzieren sie auch noch mit einem Kostenvorteil von 20 bis 30 Prozent gegenüber ihren westlichen Konkurrenten, so die Studie.

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Zum Vergleich: Während ein europäisches Unternehmen im Schnitt 49 Monate braucht, um ein neues Auto auf die Straße zu bringen, schafft es ein chinesisches Unternehmen in durchschnittlich 33 Monaten. Technologietrends würden dadurch schneller integriert, und auf Kundenwünsche könne schneller reagiert werden. Dies sei besonders relevant bei jüngeren Käufern, die laut Studie chinesische Modelle zunehmend als gleichwertig wahrnehmen.

China-Speed funktioniert auch in Europa

Für Europas Autohersteller ist das brisant. Denn selbst wenn chinesische Hersteller Teile ihrer Wertschöpfungskette nach Europa verlagern – was vor allem bei Forschung und Entwicklung geschieht –, bleibe ein Großteil ihres Tempos erhalten. Mehr als 50 Prozent der Effizienz sichern sie sich laut den Roland-Berger-Experten trotzdem, in einzelnen Fällen bleiben sogar bis zu 80 Prozent des China-Effekts erhalten. Der Vorteil ist also nicht ausschließlich standortbedingt.

Kostenvorteil nicht nur durch niedrige Löhne

Weit verbreitet ist die Annahme, Chinas Kostenvorteil käme vor allem durch niedrige Löhne zustande. Laut den Experten greife das zu kurz: Wesentliche Treiber sind ebenso kluge Design- und Systementscheidungen. Dazu zählten konsequente Standardisierung, weniger Fahrzeugvarianten und ein "fit-for-purpose"-Engineering – also der klare Fokus auf das, was für den Markt wirklich zählt und wofür der Kunde auch bezahlen will.
Ein weiterer Faktor seien die günstigeren Kostenstrukturen der chinesischen Lieferanten. Zusätzlich profitierten die Unternehmen von großen Skaleneffekten durch den riesigen Heimatmarkt und systematischer staatlicher Unterstützung – auch außerhalb Chinas.

China Speed durch digitale und integrierte Entwicklung

Chinesische Hersteller minimieren ihre Entwicklungszeiten laut Roland Berger vor allem durch deutlich kürzere Entscheidungsphasen. Dies sei durch klare Hierarchien, schnellere Freigaben und weniger Konsensprozesse möglich. Dazu setzten chinesische Hersteller auf einen hohen Anteil virtueller Tests von bis zu 80 Prozent; kostspielige reale Prototypen würden eine deutlich kleinere Rolle spielen als in Europa. Software und Hardware würden zudem parallel und vernetzt entwickelt, Lieferanten früh und systematisch in die Entwicklung einbezogen.

Entschlüsselung des China-Speed:

Geschwindigkeit und Kosten seien laut Untersuchung kein isolierter Vorteil, sondern vielmehr ein gut geöltes System aus den Faktoren Produkt-Entwicklungsphilosophie, Lifecycle-Ansatz, Steuerung der Lieferanten, Digitalisierungsgrad, Zusammenarbeitsmodell, Risikobereitschaft und Entscheidungstreue.

Auch Europa hat (noch) Vorteile

Die Analyse zeigt: "China-Speed" sei grundsätzlich auch für europäische Hersteller möglich, wenn auch in abgespeckter Form. Noch verfügten europäische Unternehmen laut der Untersuchung über starke Trümpfe: tiefe Kundenkenntnis, Expertise bei den geltenden Rechtsvorschriften, starke Marken und eine hohe Qualitätsreputation. Die Gefahr: Die Vorteile könnten an Wirkung verlieren, weil die Chinesen in diesen Bereichen durch ihr Engagement in Europa ebenfalls besser werden.

Experte: "China-Speed" in Teilen auch in Europa umsetzbar

"Die westliche Industrie wird an zwei Fronten unter Druck gesetzt: Chinesische Akteure handeln schneller und liefern zu niedrigeren Kosten. Der Abstand vergrößert sich – und die Zeit zum Reagieren wird immer geringer", erklärt Oliver Knapp, Partner bei Roland Berger. Europäische Unternehmen könnten aber gezielt Elemente der chinesischen Produktionsweise übernehmen und an die eigenen Systeme anpassen.
"China-Speed ist kein kulturelles Phänomen, sondern das Ergebnis klarer Entscheidungen bezüglich Produktdesign, Portfoliokomplexität und der Lieferantenbasis. Und genau deshalb ist ein Teil davon auch in Europa umsetzbar," so der Experte.
Seine Empfehlung an die hiesigen Hersteller: "Wir können und sollten nicht die Chinesen kopieren, wir sollten unsere Stärken weiterentwickeln, ohne unsere DNA zu verlieren. Wer schneller lernt und sich entschlossener weiterentwickelt, gewinnt am Ende", so Knapp im Gespräch mit AUTO BILD.